contact in Augsburg e.V. | soziales Tagebuch
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Herzlich willkommen im sozialen Tagebuch von contact in Augsburg e.V.

Wir haben keine Geheimnisse, bei uns dürfen Sie sogar unser Tagebuch lesen !
Also herzlich willkommen zu einem Fortsetzungsroman der besonderen Art !

Ich bin Roswitha Kugelmann, die 1.Vorsitzende von contact. Wir haben seit der Verein besteht sehr viel Arbeit geleistet, sowohl im Recycling von Gebrauchtwaren aller Art als auch im sozialen Bereich, denn der Zweck unseres Vereins ist die Hilfe für Menschen in schwierigen Lebenslagen.
Dieses Tagebuch soll allen Interessierten ein bisschen mehr Einblick in unsere tägliche Arbeit geben.
Für Ihr Interesse bedanke ich mich und freue mich über jede Rückmeldung.



Dienstag
5 Februar
2019
Ich mach die Arbeit jetzt seit 25 Jahren, aber so aufgewühlt wie gestern war ich lange nicht mehr. Wir hatten den Laden schon zu gemacht, ich hab dann nur noch mal aufgeschlossen um Marc vorne rauszulassen, als ich einen jungen Mann vor dem Haus bemerkte. Weil Pluto mit seinem großen Hund hinter mir standen, habe ich die Türe doch noch mal ganz aufgemacht und gefragt, ob ich ihm helfen kann. Er meinte, er wollte nur schauen, ob noch Semmeln da wären. "Komm rein, ich schau, ich hab sicher hinten noch was." Ich habe ihn dann gefragt, was er noch zu Hause hat bzw. am meisten braucht. Er erzählte mir, dass er seit dem Vorabend nur noch Mehl zuhause hätte und sich deshalb einen Mehlteig gemacht hatte um wenigstens noch "Nudeln" zu essen. Und das mitten in den Prüfungen ! Er studiert und hat bisher bei einem Paketdienst gearbeitet - ab nachts um 3 Pakete aufladen und dann in die Uni. Wegen der Prüfungen hat er den Job aufgegeben, hat auch schon einen neuen, das Geld kommt aber erst Anfang März. Als er sah, was wir noch an Lebensmitteln haben, bekam er große Augen. "Mandarinen, Bananen - Obst hatte ich schon lange nicht mehr !" Es waren ein paar Reste von der Abholung vom Montag ! Wir konnten ihm auch noch Früchtebrot, Pudding, Feldsalat und Weißbrot einpacken. Von meinen Orangen und ein Glas Honig aus Rumänien füllte die Taschen noch mehr. Ich bot noch an, ihn heimzufahren, aber er wollte unbedingt noch in die Uni.
Das schockierendste : er war gestern schon 3 x ! hier um zu schauen, ob nicht ein bisschen was zu essen im Fairteiler liegt und war scheinbar immer zur falschen Zeit da !
Ich hoffe, er kommt wieder wenn die Sachen, die wir mitgeben konnten, zu Ende sind !
Danach gingen mir so viele Dinge durch den Kopf, sodass ich lange nicht schlafen konnte :
Es war schön, helfen zu können !
Privat hätte ich ihm vielleicht einen Euro geben können, vielleicht auch 5 Euro oder sogar 10, aber ich hätte seine Notlage gar nicht mitbekommen.
Über den Verein können wir viel viel mehr helfen.
Aber wie viele in solchen Notsituationen sind noch da draussen vor unserer Türe ?
Wie viele Studenten, Rentner, Alleinerzeihende, Menschen mit gescheiterten Beziehungen und und und ... ?
Warum studieren so viele ? Viele hätten gern studiert, aber mussten gleich arbeiten gehen, weil einfach kein Geld für ein Studium da war.
Gut, die Entscheidung muss jeder selber treffen und viele stellen es sich leichter vor, ganz viele Studenten arbeiten ja auch für ihr Studium. Auch unsere Denitsa muss mit dem auskommen, was sie bei uns neben dem Studium verdient.
Wie können wir das, was wir reinholen, noch gerechter verteilen ?
Wie wissen wir, wer es wirklich dringend braucht oder wer sich nur die Taschen vollstopft ?
Und dann auch der Gedanke : warum sind wir mit unserem Dorfprojekt noch nicht weiter - das würde uns noch viel mehr Möglichkeiten für Hilfeleistungen geben.
Aber alles in allem müssen wir froh sein, dass es ist wie es ist : wir können ja schon vielen helfen !!
Nur hat mir vor langer Zeit schon mal jemand gesagt : "Gewöhn dich an den Gedanken, dass du nicht der ganzen Welt helfen kannst !" Ich versuchs ja, aber ich bin trotzdem überzeugt davon, dass noch mehr möglich ist - wenn alle zusammenhelfen !!!
 

Dienstag
29 Januar
2019
Jonas steht mit seinem Wagen mitten im Hauptgang. Ich will ihn gerade zum Weitergehen bewegen, als ich höre, dass er total ernst zu Jutta sagt : "Die Kopfkissen machen mir Sorgen !" "Jonas, am Donnerstag kommt der LKW, dann können wir für Rumänien laden. Dann musst du dir keine Sorgen mehr machen !" Zur Erklärung : in Kopfkissen werden bei uns Textilien verpackt, die wir verschenken können. Blaue Säcke sind erfahrungsgemäß dafür weniger geeignet, weil sie reissen : entweder beim Einpacken oder beim Transport in die Lagerhalle oder beim Aufladen auf den LKW oder spätestens beim Abladen !
 

Dienstag
22 Januar
2019
Wenn wir schon so stolz darauf sind, dass wir uns vom kleinen sozialen Verein zu einem großen Sozialunternehmen entwickelt haben, dann reicht es auch nicht, moderne elektronische Kassen einzuführen. Dann müssen wir den Weg auch konsequent weitergehen. Also haben wir uns entschlossen, endlich von den arbeitsintensiven Mitarbeiterlisten auf digitale Zeiterfassung umzustellen. Früher mal füllten die Einträge der Mitarbeiter mit ihren Arbeitsbeginn- und Arbeitsende-Zeiten fast eine Seite. Dann musste mal auch auf die Rückseite des jeweiligen Tagesblattes zugegriffen werden. Zuletzt reichte an manchen Tagen auch diese zweite Seite mit ihren vielen Zeilen und Spalten nicht mehr aus. Ein zweites Blatt brachte regelmäßig die von Mike immer vorgeschriebenen Wochentage durcheinander. Und dann saß ein Mitarbeiter immer jeden Tag ganz schön lange daran, die Zeiten von der Liste in den Computer zu übernehmen. Bei der ständig wachsenden Zahl an Mitarbeitern wurde es immer schwieriger, zudem darauf zu achten, ob die Arbeitszeiten auch eingehalten wurden. bei der Wahl eines geeigneten Zeiterfassungsgeräts stellten wir erstaunt fest, dass diese Dinger bei weitem nicht mehr so teuer sind wie sie früher einmal waren, also auch für uns erschwinglich. Auf eine Version mit Karten oder Chips wollte ich mich nicht einlassen. Ich konnte mir vorstellen, wie oft Mitarbeiter dann dastehen und ihre Karte oder ihren Chip verloren oder zuhause vergessen haben würden, noch in der anderen Handtasche oder in der anderen Hose, die inzwischen in der Wäsche gelandet war. Zudem hatten wir auch schon Fälle von nicht korrekten Arbeitszeiten. Zwei Mal mussten wir uns bisher von Mitarbeitern trennen, weil sie bei der Eintragung ihrer Zeiten betrogen hatten. In anderen Fällen genügte eine Abmahnung. Allein die Möglichkeit, die Karten oder Chips untereinander auszutauschen ("check du mich mal heute abend aus, ich mach das dann nächste Woche mal für dich") würde ja auch wieder dazu führen, dass eine ständige Kontrolle erforderlich wäre. Genau den zeitlichen Mehraufwand wollte ich uns ja in Zukunft ersparen. Daumen (oder anderer Finger) aufs Gerät : ich bin da, das gleiche nach mal bei Dienstende : ich bin weg. Ich hatte es mir so einfach vorgestellt. Nicht damit gerechnet hatte ich, dass die Einführung des neuen Systems mal wieder eine Neuerung darstellt, die erst eine lange Eingewöhnungszeit braucht. Ann-Kathrin und Matthias gebührt deshalb ein besonderes Lob für ihre große Geduld, mit der sie seit Tagen die Mitarbeiter im neuen Computer erfassen, Fingerabdrücke einspeichern, das Gerät erklären und bei Problemen geduldig danebenstehen, bei jedem Fehlversuch aufmunternd zu einem weiteren Versuch überreden. Weil aber inzwischen fast alle erfasst sind und es wirklich bei den allermeisten problemlos klappt, habe ich die Hoffnung, dass es sich nächsten Monat eingespielt haben wird und wir es uns bald nicht mehr anders vorstellen können - genau wie bei den elektronischen Kassen. Es gibt aber wirklich Mitarbeiter, wo das Gerät einfach keine Linien an den Fingern erkennt. Vielleicht wirklich schon zu viel gearbeitet im Leben ? Ich kann mich an meinen Ehering erinnern, der bei der Verlobung (1972 !) ein Band mit einer deutlichen Schraffur hatte, die schon nach ein paar Jahren vollständig weg war und nur noch ein schmaler Streifen mit kleinen Kratzern war. Unsere jüngeren gehen ganz unbedarft an das Gerät heran, Finger drauf, Piepsen abwarten und gut. Von unseren älteren haben einige einfach zu viel Respekt vor dem kleinen Kasten und verzweifeln fast bei den Fehlversuchen. Langsam erwacht aber der Ehrgeiz : das muss doch gehen ! Und irgendwann geht es dann auch ...
 

Montag
21 Januar
2019
Maik. der am Samstag bis Ladenschluss mit uns geschuftet hatte um die Mengen an gespendeten Waren verarbeiten zu können, tauchte heute gegen Mittag auf und war total erstaunt, dass es in der Warenannahme schon wieder so gut aussieht. Es war aber auch eine super Teamleistung, bei der jeder die Situation sofort erfasst hat und mit angepackt hat. Barbara kam sehr früh und half Anastasia und Olga beim Einsortieren der Unmengen an Haushaltswaren. Sabine, Christiane und ich und später auch Petra halfen, dass die Büchervorsortierung wieder aufnahmefähig war. Die Männer in der Warenannahme leerten einen Wagen nach dem anderen, damit diese wieder für die Warenspenden des heutigen Tages nach draussen gestellt werden konnten. Allerdings war ich dann auch noch am Vormittag kurz draussen und stellte fest, dass sich inzwischen wieder einiges angesammelt hatte, sodass die Wägen sofort wieder gefüllt waren und aufgereiht darauf warteten, nach innen gebracht zu werden. Tobi und Andrian bemühten sich um die Spielwaren, Eugen um die Dinge für die Heimwerkerabteilung. Um die Berge von Elektrozugang bemühte sich Alex, der dringend noch einen zusätzlichen Helfer gebraucht hätte genauso wie Irina im B-Zelt. Aber es war leider nur Franziska, unsere fleissige Praktikantin zur freien Verfügung und die musste gleich nach vorne um Preisetiketten zu sortieren und Kleidung auszupreisen, weil auch Margit und Ottilie schon länger ausfallen. Sie hat auch angeboten, bis 19 Uhr zu bleiben, weil am Nachmittag sonst niemand für die zweite Boutiqueabteilung da gewesen wäre. Für so viel Flexibilität bin ich immer wieder sehr dankbar.
 

Samstag
19 Januar
2019
Es ist Winter, es ist Erkältungs- und Grippezeit und zusätzlich haben wir noch Mitarbeiter mit schwereren längerfristigen Erkrankungen. Da den Warenkreislauf aufrecht zu erhalten, ist ein hartes Stück Arbeit. Wenn an den beiden Boutiqueverkaufsstellen Personal fehlt, muss die Bücherabteiung und die Kleidersortierung einspringen. Das heisst aber weniger sortierte Bücher, wo sowieso schon jemand fehlt und sich die Kisten in der Vorsortierung stapeln und weniger sortierte Kleidung, die immer so viel Zugang hat, dass jeder Sortierplatz besetzt sein muss, damit es umgeht. An den Kassen fehlten heute zwei Kassenkräfte, sodass Claudia und Barbara nicht in der Haushaltsabteilung mithelfen konnten. Sobald aber aus der Warenannahme zu wenig raus geht in die Haushaltsabteilung, gibt es dort dann schnell einen Stau. Obwohl wir noch einen zusätzlichen freiwilligen Helfer hatten, konnte so nicht das verarbeitet werden, was rein kam sodass am Abend alle Einkaufswägen voller Ware waren und sich die Wägen bis zur Türe stauten, die nur mit Mühe geschlossen werden konnte. Da brauchen wir am Montag alle verfügbaren Kräfte um diesen Knoten möglichst schnell auflösen zu können und wieder normal arbeiten zu können. Dass auch die Mitarbeiterin im B-Zelt dringend noch einen zusätzlichen Helfer brauchen wird, ist eh klar, denn die Mädchen im Sortierraum haben trotz Mithilfe in der Boutique mit Volldampf gearbeitet. Dort konnte noch eine neue Mitarbeiterin angelernt werden, die auch mal wieder eine von denen ist, die ganz dringend einen Job brauchen. Die Zahl der Anfragen wird nicht weniger und es sind wirklich Härtefälle dabei, obwohl immer wieder von Vollbeschäftigung im Land gesprochen wird. Vollbeschäftigung ja, aber nur für die, die genau ins Raster passen. Wehe denen, die da ein bisschen daneben liegen.
 
 
Sozialkaufhaus
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