contact in Augsburg e.V. | soziales Tagebuch
www.contact-in-augsburg.de
 
 
 
 
 

Herzlich willkommen im sozialen Tagebuch von contact in Augsburg e.V.

Wir haben keine Geheimnisse, bei uns dürfen Sie sogar unser Tagebuch lesen !
Also herzlich willkommen zu einem Fortsetzungsroman der besonderen Art !

Ich bin Roswitha Kugelmann, die 1.Vorsitzende von contact. Wir haben seit der Verein besteht sehr viel Arbeit geleistet, sowohl im Recycling von Gebrauchtwaren aller Art als auch im sozialen Bereich, denn der Zweck unseres Vereins ist die Hilfe für Menschen in schwierigen Lebenslagen.
Dieses Tagebuch soll allen Interessierten ein bisschen mehr Einblick in unsere tägliche Arbeit geben.
Für Ihr Interesse bedanke ich mich und freue mich über jede Rückmeldung.



Montag
18 Juni
2018
Vor mir steht ein gutaussehender junger Mann, dunkler Bart, gepflegte Erscheinung. Ich brauche einen kurzen Moment um ihn wiederzuerkennen : es ist Rasoul, der als 15jähriger ohne Eltern den Weg von Afghanistan bis hier geschafft hatte und sich so schnell wie kaum einer an die Lebensumstände und die fremde Kultur hier angepasst hatte.
Er spricht inzwischen ein sehr gutes Deutsch, macht gerade seinen QA, wohnt in einer katholischen Wohngemeinschaft zusammen mit 7 anderen jungen Leuten und möchte sich mit einem Ferienjob sogar den Führerschein ermöglichen.
Kann das wirklich sein, dass er schon 18 ist ? Ja, ich kenne ihn seit 3 Jahren, da war er wirklich noch ein Kind - dem die Kindheit und Jugend genommen worden war.
Und wir dürfen nicht so tun, als ob uns das nichts anginge. Dank der modernen Medien haben wir längst mitbekommen, dass wir mit Schuld haben an der Aufrüstung und der jetzigen Lage in Afghanistan.
Jetzt sind sie da die Flüchtlinge. Und jetzt ist es an uns, sie hier nicht nur willkommen zu heissen sondern ihnen das Leben hier auch zu ermöglichen bis sie vielleicht irgendwann in ihr Heimatland zurück können, die Heimat, die sie trotz allem nie vergessen werden.
Und was könnten wir besseres für die Menschen und die Länder tun, als junge Leute hier gut auszubilden !?
Das heisst, dass sie genauso dringend eine gute Ausbildung brauchen wie unsere deutschen Jugendlichen um die Zukunft meistern zu können und nicht irgendwo auf der Strecke zu bleiben.
Sie wissen das nur zu genau, haben sich vielleicht mehr Gedanken darüber gemacht als die jungen Leute hier bei uns, für die alles so selbstverständlich ist.
Rasoul ist deshalb nicht wegen eines Ferienjobs hier sondern wegen eines Ausbildungsplatzes. Noch hat er nichts anderes gefunden obwohl laut Statistiken viele Stellen frei sein sollen ...
Es ist noch ein anderer Junge aus Eritrea, der gerade freiwillig bei uns mithilft, nur damit er nicht in der Unterkunft herumsitzt. Ganz schüchtern fragte er mich am Freitag, ob er Samstag auch kommen dürfe, dann hat er etwas zu tun - und etwas zu essen (die näheren Umstände warum er derzeit kein Geld bekommt will ich hier nicht schreiben, sonst steigere ich mich in eine Sache hinein, die die Debatte im Staat nur noch mehr aufheizen würde).
Auch er bräuchte dringend eine Chance auf Zukunft.
Nachdem wir aber so viele wie irgend möglich eingestellt haben in den letzten Jahren, sieht unser Haushaltsplan derzeit keine neuen Stellen vor.
Ich habe mir darüber schon viele Gedanken gemacht.
Bringt ein zusätzlicher Laden wirklich das Mehr an Umsatz das wir für neue Stellen dringend brauchen ? Oder kostet das nur Geld ?
Gibt es die Möglichkeit von Job-Patenschaften ? Eventuell durch solche Kunden wie die nette Dame heute, die mir erklärte, dass sie durch unser Kaufhaus schon so viel profitiert hat, dass sie gern etwas zurückgeben möchte - sie wird es durch freiwillige Mitarbeit tun.
Aber vielleicht finden sich auch Mitmenschen, die durch Geldspenden (im Gegensatz zu den Sachspenden steuerlich absetzbar) einen oder zwei weitere Ausbildungsplätze hier bei uns (mit)finanzieren können oder wollen ?
 

Donnerstag
7 Juni
2018
Heute erreichte uns folgende Nachricht eines Kunden :
"hallo liebes contact team.
ich wollte letzte woche ein rad bei euch kaufen. es war wunderschön und für 60 Euro ausgeschrieben, war jedoch schon reserviert. gerade bin ich auf ebay kleinanzeigen auf eben dieses fahrrad gestoßen. Der Verkäufer möchte nun 400 Euro dafür. Ich finde dieses Verhalten einfach nur asozial und wollte euch darauf hinweisen. Dafür ist das Contact meiner Meinung nach nicht da. 😞 Vielleicht kennt der Verkäufer den Käufer des Rades noch, oder so und kann dies in Zukunft verhindern."
Leider konnte ich ihm nur die folgende Antwort geben :
"Hallo, vielen Dank für die Nachricht. Die Möbelabteilung, zu deren Bereich der Fahrradverkauf gehört, hat mir bestätigt, dass kurzfristige Reservierungen bei ihnen möglich sind, während es in anderen Bereichen aus Platzmangel nicht geht. Zum anderen Thema : natürlich ist es für uns nicht gut, wenn wir sehen oder hören (die Händler unterhalten sich in den Gängen ganz offen darüber), dass bei dem einen oder anderen Artikel ein wesentlich höherer Preis zu erzielen gewesen wäre, brauchen wir doch jeden Euro, um das Sozialkaufhaus am Laufen zu halten. Unsere beiden Mitarbeiter, die für die Fahrräder zuständig sind, wollen die Preise so machen, dass sich auch Leute mit weniger Geld eines leisten können. Wenn etwas wertvolleres dabei ist, was uns mehr in die Kasse bringen würde, sind wir alle aber nicht Fachleute genug, um das zu erkennen. Immerhin versuchen wir über die "Boutiqueabteilung" für einiges ein wenig mehr zu erzielen, stossen da natürlich nur auf Verständnis von denen, die die soziale Seite dieser Maßnahme sehen. Dass die Händler, die täglich bei uns auf der Suche nach Artikeln sind, die ihnen genug Gewinn versprechen, uns darauf aufmerksam machen und uns einen faireren Preis geben, können wir leider bei der Gier, die allgemein immer mehr um sich greift, nicht erwarten. Wohl haben wir immer wieder mal Kunden, die uns auf besondere Dinge aufmerksam machen und wir den Preis dann noch anheben können, aber das passiert eben nur selten. Letzte Woche brachte ein Händler 3 Stücke zurück für uns zur besseren Verwertung - wirklich mit der Begründung : "Ich habe bei euch schon so vieles günstig bekommen, diese Stücke sollt ihr haben." Fragen Sie nicht, wie erstaunt ich war, denn in den über 20 Jahren seit ich das mache, ist mir das so noch nicht passiert. Wir wollen aber ganz bewusst ein offenes Kaufhaus sein, wo jeder kommen kann und sich nicht noch einmal extra für seine schlechte finanzielle Lage ausweisen muss (bei der Tafel geht es nicht anders) Das halten wir für menschenwürdiger als die Vorgabe der Steuerverwaltung, die Abgabe nur an einen bestimmten Personenkreis fordert, damit mit dem ermäßigten Steuersatz von 7 % versteuert werden darf. Wir nehmen dafür in Kauf, dass wir mit 19 % versteuern müssen ( bayerische Landesregierung, die das vorschreibt !) und zahlen etliche tausend Euro Umsatzsteuer ans Finanzamt. Dass bei einem offenen Kaufhaus auch viele Händler unter den Kunden sind, können wir nicht verhindern, aber auch sie helfen uns, durch viel Umsatz viele Arbeitsplätze finanzieren zu können. Fairer auch von deren Seite wäre besser, da gebe ich Ihnen Recht. Aber die Händler haben eben nur ihren Gewinn im Blick, nicht die soziale Seite unseres Sozialkaufhauses. Ein Preis von 400 Euro wäre allerdings hier nicht erzielbar. Die Kunden sind auf niedrige Preise eingestellt und für die Händler wäre ihre Spanne dann nicht groß genug. Aber zumindest 200 oder 250 Euro wären gut für uns gewesen. Danke trotzdem dass Sie das Thema aufgegriffen haben. Mit vielen Grüßen R.Kugelmann, Vorsitzende"
 

Freitag
1 Juni
2018
16 Uhr : mein Handy meldet sich : Toilettenpapier nachschauen auf den Gästetoiletten. Auch gestern am Feiertag - woher soll mein Handy wissen, dass Feiertag ist ? Ich warte vor der Herrentoilette, und warte, und warte. Es dauert mir zu lang, ich habe noch so viel andere Arbeit. Deshalb trage ich die Rolle zu Nina in die Boutique zurück. "Das macht nichts", sagt Nina, "die melden sich schon bei mir wenn die Rolle leer ist. Ich schaue zweifelnd. "Doch, doch, die wissen schon", sagt Nina. Gut, dass wir nie Kunden haben, die neu bei uns sind ...
 

Donnerstag
17 Mai
2018
Woran merken wir selbst, dass unser Sozialunternehmen immer größer wird ? Wir bekommen viele positive Rückmeldungen von den Kunden und Gästen und Freunden von contact, daran ist es aber nicht wirklich messbar.
Unsere Vernetzung wird immer besser : auch daran merken wir unser Wachstum. Wenn ein Freund aus der Zeit der aktivsten Flüchtlingshilfe abends anfragt, ob wir Hosen für die Obdachlosenhilfe Berlin zuschicken können, weil er weiss, dass wir immer Hilfsgüter vorrätig haben und wir bereits heute Mittag 4 Pakete zur Post bringen können und wenn wir in einem Facebookbeitrag des ADFC lobend erwähnt sind, weil wir für den "Ride of silence" gestern abend in Augsburg 50 frischgewaschene weisse T-Shirts zur Verfügung stellen konnten, dann ist das Vernetzung wie sie sein soll.
Aber auch daran ist Wachstum nicht unbedingt messbar.
Wenn wir aber merken, dass unsere Aufgabenstellungen immer mehr werden und ich kaum mehr dazu komme, in der Kleidersortierung, in der Warenannahme oder gar in den hinteren Hallen mit auszuhelfen, dann hat das direkt etwas mit Wachstum zu tun.
Weil an einem Tag so viel zu erledigen ist wie sonst in einer Woche :
Heute früh eine Führung hier im Haus, heute Mittag ein Gespräch über Social Day mit der Internationalen Schule, heute Nachmittag ein Gespräch mit einem Betreuer für minderjährige Flüchtlinge, danach ein Gespräch über die Zusammenarbeit zwischen Tai und Zabi, davor noch die Durchsicht des Konzeptentwurfs von Laura, dann noch die Beantwortung diverser Emails - und das alles an einem Tag ...
 

Mittwoch
16 Mai
2018
Freier Mittwoch ? Morgens um 9 Uhr kommt der Kaminkehrer, danach versuche ich Beerensträucher für unsere neue Gartenanlage in Bobingen zu ergattern. Dann 50 frischgewaschene weisse T-Shirts zusammenlegen, die Mike abends mit seinem roten Werbefahrzeug zum Königsplatz bringen wird für den "Ride of silence". Schnell noch 2 x Schach mit ihm gespielt und dann endlich Zeit um meine Tomaten ins Freie zu bringen. Dort wo sie hin sollen, muss aber erst Platz geschaffen werden. Aber das Unkraut im Garten ruft auch nach mir und lässt sich nach dem langersehnten Regen einfach zu gut herausreissen. Also müssen die Tomaten wieder warten. Dann ist es auch schon Zeit, zu contact zu fahren, Ann-Kathrin abzuholen und an der Bürgerversammlung zum Thema Haunstetten Südwest teilzunehmen. Für unsere Dorfpläne wird die geplante Bebauung wohl in zu weiter Ferne liegen und auch für die Lösung des Kälteproblems im Winter bei contact wird es mit den Bebauungsplänen wohl zu lange dauern. Das sollte nicht noch einmal 10 Jahre auf sich warten lassen. Aber wir sind immerhin als "Schlüsselakteure" von Seiten der Stadt eingeladen und werden daher an dem ganzen Planungsprozess teilnehmen. Zudem sind wir ja auch noch in der Arbeitsgruppe "Haunstetten Südwest", die von der Agenda ausgeht. Deren Zukunftsleitlinien sollten doch so weit wie irgend möglich in die Planungen mit einfliessen. Nach dem Ende der Veranstaltung um 21:30 sind wir zwar eigentlich hungrig, aber auch zu müde, um noch irgendwo irgendwas zu essen. Also direkt nach Hause.
 
 
Sozialkaufhaus
Im Tal 8
86179
Augsburg-Haunstetten
0821-8 15 66 15
contact in Augsburg e.V. - zur Startseite